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Kulturvolk Blog Nr. 121

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

9. März 2015

Berliner Ensemble - Pavillon


An den vier Wänden die Stühle fürs Publikum, und in der Mitte vom Studio „Pavillon“ auf dem Hof des Berliner Ensembles ein bizarres Holzgebirge wie die aufgetürmten Eisschollen in dem berühmten Friedrich-Gemälde von den geborstenen Träumen. Aus diesem aufgetürmten, scharfkantigen, geheimnisvoll illuminierten Chaos, das, wir erkennen es sofort, aus lauter Tischen besteht, also aus einem zivilisatorischen Grundelement, das nur gerichtet und geordnet sein will (eine so simple wie total treffliche Idee des großen Bühnenbildners Johannes Schütz), daraus schält sich – qualvolle Geburt – die mythische Figur des Kaspar Hauser, ein Findling, ein Urtyp des von jeglicher Zivilisation unberührten Menschen (Jörg Thieme halbnackt, halb verwahrlost mit Wollpudel gleich einer Krone auf dem gequälten Haupt).

 

Vor fast einem Halbjahrhundert schrieb Peter Handke sein in 65 Etüden gegliedertes Sprachkunstwerk „Kaspar“; Claus Peymann besorgte die Uraufführung 1968 im Frankfurter Theater am Turm; und für beide, Handke (damals 25) und Peymann (damals 30), begann damit der unaufhaltsame Aufstieg in den Ruhm. Lang ist’s her, und doch hat diese virtuose Sprechpartitur für einen Solisten und fünf so genannte Einsprecher nichts von ihrem Glanz, ihrem Oberflächengefunkel sowie ihrem philosophischen Tiefsinn eingebüßt. Dabei geht es dem Autor nicht um die historisch verbürgte Geschichte des 1828 in Nürnberg aufgefundenen „Wilden“, der an der Gesellschaft scheitert und schließlich ermordet wird, vielmehr spielt Handke variantenreich durch, wie das geht, prallen Urwüchsigkeit und der Ruf (oder die Sehnsucht) nach Ordnung aufeinander. Die fünf „Einsager“ werfen gleich einem Spielball dem Kaspar die Stichworte, Sprichworte, Sentenzen, die Aufrufe, Zurufe und Befehle zu zum Aufbau von Norm und Ordnung – und Kaspar, am Ende korrekt in Hemd und Anzug, reagiert genervt, aufmüpfig, zuweilen ironisch, schlau, aber auch folgsam. Es geht ums Menschwerden und Menschsein durch Sprache, durch Begrifflichkeit, es geht um Sozialisation und Gemeinschaft, ums Lernen und Erziehen, aber auch um Zurichtung, Drill, Manipulation. Am Ende sind alle Tische ordnungs- und normgerecht aufgestellt zu einer riesengroßen rechteckigen Tafel, auf der man tanzen und tollen kann, an der man sitzen, trinken und debattieren, aber auch Gericht halten kann.

 

Handkes „Kaspar“-Stück gleicht mit seinen „Etüden“ einer Nummernrevue über den selbstbewussten, kritischen oder auch ideologischen Gebrauch von Sprache zum wie auch immer gearteten Denken. „Kaspar“ ist aber auch ein ganz und gar undogmatisches Denkspiel (obgleich 68 entstanden oder gerade deshalb) über das Ambivalente der Zivilisation, ihren Fluch und ihren Segen. Der fabelhafte Regisseur Sebastian Sommer (wir denken an seine köstliche Brecht-Inszenierung „Hans im Glück“, auch im BE-Pavillon), inszenierte die delikate Petitesse mit Charme und Eleganz und mit viel Sinn für die Feinheiten der Sprache, für Wortwitz und Pointen, Stimmungs- und Tempowechsel. Geistreiche Unterhaltung.

 

( „Kaspar“ wieder am 10., 11., 13., 31. März. / „Hans im Glück“ wieder am 19., 25., 29. März im BE-Pavillon)

 

Deutsches Theater

Weiß man, wer man wirklich ist? Weiß wirklich, was man will? Wie stabil ist der Boden, auf dem wir vermeintlich festen Fußes stehen? Das sind so Fragen. Die Antworten haben manchen schon umgehauen. In Shakespeares tief schwarzer, schwer melancholischer, dabei immer wieder was ihren irren Zauber ausmacht – lustig grellbunt ausgeleuchteter Liebes-, Verkleidungs- und Verwechslungskomödie „Was ihr wollt“, dreht sich alles um derlei Fragen, doch in der Inszenierung von Stefan Pucher wird niemand von ihnen umgehauen, obgleich bei Shakespeare die Böden des Daseins schwer schwanken – „nichts, was so ist, ist so“.

 

Es geht in diesem himmlisch-höllisch-sexuellen Verwechslungsspiel um vielerlei Lieben und üble Machenschaften; im Kern aber um das Mädchen Viola (Katharina Marie Schubert), das gestrandet ist auf einer Insel (Illyrien), sich dort als Junge verkleidet und einem Herzog (Andreas Döhler) als Pagen andient. Ausgerechnet sie, den vermeintlichen Pagen, schickt Herzog Orsino als seinen Brautwerber zur Gräfin Olivia (Susanne Wolff), dabei ist Viola in den Herzog verliebt, aber Olivia liebt den nicht zurück, sondern den Pagen, der ja eigentlich Viola ist, die den Herzog liebt, der auf Olivia steht… Also Chaos der Gefühle, bittersüße Unklarheiten. Daneben säuischste Vergnügungen und bösartigste Intrigen, für die das plebejische Personal des Stücks zuständig ist (Anita Vulesica, Christoph Franken, Bernd Moss, Wolfram Koch). Und durch dieses Wunderland voller Schlachten der Begierde geistert stoisch ein vom ewigen Regen und vom baldigen Tod singender Narr (Margit Bendokat).

 

Herzensexplosionen als Zünder jeglicher Weltverwirrung, die Liebe als Gefahrenzone voller Seelenweh, Glücksverblendung, Zerstörungswut, davon handelt dies wundersame, verwegene Fantasy-Stück aus dem wasserumspülten Traumland Illyrien, auf denen lauter verwundete Figuren tänzeln, toben und taumeln, zwischen denen Abgründe gähnen.

 

Doch die Regie Stefan Puchers zeigt keine Wunden, keine Abgründe und lässt auch nicht taumeln und tänzeln, höchstens gelegentlich toben. Und das Verführerische ist nicht wirklich verführerisch, das Süße nicht wirklich süß, das Bittere nicht wirklich bitter und das Rohe nicht wirklich roh. Das Swingende, Federnde, Jonglierende, die fliegenden Wechsel der Stimmungen (das Melancholische, das Deftige) und der Farben (das Tiefschwarze, das Grellbunte) – all das Geheimnisvolle, raffiniert und natürlich auch grausig Ambivalente, das elend komische Verxierspielhafte findet nicht statt. Stattdessen Geheimnislosigkeit, Plattheit. Dazu immer dicht an der Rampe ein plärrend ordinärer Comedy-Ton (Übersetzung Jens Roselt). Da hallt nicht Shakespearsche Poesie, da schäumt der billige Seifenoper-Ton. Freilich, die Schubert, die Wolff, die Bendokat und auch Döhler haben schöne Momente, die sogar unser Herz ergreifen könnten, doch gleich rutscht wieder alles ins Banale. Denn die Einfalts-Regie weiß nicht, was sie will mit diesem Stück. Also lässt sie es rasch runter rattern. Die Techniken der Schauspieler in der Staatstheater-Liga sorgen allemal für ein Minimum an Unterhaltungswert, besonders wenn sie singen, was sie gern und oft tun. Obendrein wird die unverschämt harmlose Chose mit nichtssagendem Getön von Christopher Uhe übergossen, die zwei elend graumäusige Musiker einer E-Gitarre und einem Keyboard entringen. Das sollte womöglich ein gewisses Quantum Stimmungszauber liefern. Doch dafür ist hauptsächlich die Bühnenbildnerin Barbara Ehnes zuständig; ihre Ausstattung imaginiert via Video eine wundersame Tiefseelandschaft, durch die fantastische, von Captain Nemo ausgeborgte Tauchboote schweben, und gelegentlich kommt von oben (Illyrien?) herabgesenkt (die Herabsenkung ist das Ereignis) ein ereignisloses, also leeres Gehäuse, in dem mal diese oder jene Figur was sagt. Auf dem Seeboden, also dem Bühnenboden (oder dem Festland Illyriens?) kreisen gern klobige Podeste, auf denen die Spieler stehen oder lümmeln oder Karussell fahren. Also massenhaft Bühnen- und auch Kostümklimbim bei minimalem Sinn.

 

Ich kann‘s mir nun nicht verkneifen zu bemerken: Just vor 13 Jahren inszenierte im DT Staffan Valdemar Holm „Was ihr wollt“; Holm war damals frisch als Chef am Dramaten Stockholm, an sein Düsseldorfer Intendanten-Desaster war noch nicht zu denken. – Holms Sicht auf die dunkle Mehrdeutigkeit des so schmerzlich amourösen wie brutal intriganten Treibens an Illyriens wilden Stränden war schlicht spielerisch. Psychologische oder philosophische Exkurse hat er sich (ähnlich wie Pucher) verkniffen. Es war gewitzt und leicht ohne Leichtfertig zu sein und man war in der Seele angetan, aber es war keine epochale Produktion. Doch Holm hat eben mit Herzblut spielen und sein Ensemble blühen lassen. Freilich, das Pucher-Ensemble ist nicht schlechter, doch Pucher weiß nichts mit ihm wie mit dem ganzen Illyrien-Betrieb anzufangen, kriegt nichts in den Griff, albert rum, kalauert sich über die Runden und bringt bei allem Gedöns und Getön die Sache nicht zum Schwingen, Singen und Klingen.

 

(wieder am 14., 15., 26. März)

Abrocken im Kudammtheater

Er hat sich 800 Dollar gepumpt und in der Autostadt Detroit das Plattenlabel „Motown“ gegründet, um fortan wie am laufenden Band Welthits zu produzieren. Damit schrieb der Afroamerikaner Berry Gordy große Popgeschichte – zusammen mit Marvin Gaye, The Temptations, Diana Ross & The Supremes, The Jacksons Five, The Four Tops oder Stevie Wonder.

 

Der damals, in den 1960er Jahren, neuartige, scharf rhythmisierte und dabei melodienselige Klang – Etikett „The Sound Of Young America“ – trieb unerbittlich zum Tanzen und Mitsummen, aber eben auch zum Träumen „When A Man Loves A Woman...“ Und so ist das bis heute: „Motown“ ist Klassik-Pop, unschlagbar! Wie auch jetzt wieder im Kudamm-Theater. Da werden zunächst ein paar aufschlussreiche Blicke geworfen hinter die Kulissen der Hitfabrik am Michigan, dann aber wird losgelegt mit einem zünftigen Livekonzert. Da kocht der Saal, da vibriert der Fußboden. In den letzten zwanzig Minuten sitzt keiner mehr im Sessel. Alles stampft im Stehen „Stop In The Name Of Love“. Und wackelt mit dem Hintern. Aufs heftigste animiert von den zwei Damen und drei Herren, dem super sexy Quintett mit Riesenbums in der Kehle, faszinierender Präsenz und irrem Hüftschwung. Kein Wunder: die tollen Fünf sind handverlesene Stars aus verschiedenen internationalen Musicalproduktionen; begleitet von der klasse Band unter Hans Kaul, der auch die Arrangements für diese ziemlich sensationelle Show schrieb. „Motown“ für alle, die den Lebensmotor genüsslich hoch fahren, sich mal wieder so richtig durchfeuern wollen und Lust haben, auch im Theater ordentlich abzurocken. Also nichts wie hin noch bis zum 22. März.