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Kulturvolk Blog Nr. 110

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

22. Dezember 2014

Volksbühne 100


„Ach Volk, du obermieses, / Auf dich ist kein Verlass. Heute willst du dieses, / Morgen willst du das…“ So reimte einst der große Schreiber Peter Hacks (1928-2003), der nicht allzu viel hielt vom Volk, dafür umso mehr von rigider Volksbeglückung durch Obrigkeit. „Ach Volk, du obermieses“ ist das kecke Motto von Jürgen Kuttners Gedenkrevue zu 100 Jahre Volksbühne am Bülow-Wessel-Luxemburg-Platz. Die ist immerhin von Obrigkeitsdenken völlig, von Volksverarsche nicht gänzlich frei.

 

 

Es war der bereits anno 1890 („gegen Zensur“) gegründete, von sozialdemokratischer Kultur- und Bildungspolitik inspirierte Verein Freie Volksbühne, der 24 Jahre später, nämlich 1914, ohne jegliche staatliche Beihilfe das dann von ihm eigenverantwortlich betriebene Theater namens Volksbühne erbauen ließ. Architekt war der Star seiner Zeit Oskar Kaufmann (1873-1956), dem Berlin das Theater am Kurfürstendamm (zerstört, vereinfacht nach 1950 wieder aufgebaut) und das Renaissancetheater (original erhalten) verdankt. Die Kaufmann‘ sche Volksbühne war natürlich keine kleine Vereinshütte, sondern ein (Arbeiter- und Sozi-Stolz) enorm repräsentatives (Arbeiter- und Sozi-Stolz), hochmodern ausgestattetes und großräumiges (geräumiger als die Kaiserliche Hofoper) Zwei-Ränge-Theater mit Orchestergraben, Riesenbühne, kostbarer Art-déco-Ausstattung und großzügigen Salons und Foyers; auf Befehl der Russen wurde es gleich nach 1945 im pompösen Sowjet-Stil wieder aufgebaut (der Marmor in den Foyers kam aus Hitlers zerstörter Reichskanzlei); die DDR gab dem Haus nach einem Umbau Ende der 1960er Jahre sein heutiges Gesicht als klassisch-antikes Amphitheater.

 

Zurück zu den Volksbühnen-Anfängen. Der rasch massenhaft Zulauf findende Verein Freie Volksbühne (ein weltweit singuläres, in seiner Vorbildlichkeit bewundertes Projekt!!) stand stets im produktiven Widerspruch zwischen Spektakel, Klassiker-Verehrung und politischem Theater, zwischen „Volksbildung“ und „revolutionärem Avantgardismus“ – locker selbstironisch mag Peter Hacksens Volksbetrachtung dazu passen. Davon ließ sich unser nervensägendes Plappermaul Kuttner leiten beim Zusammenbasteln seines verschnipselten Jubiläumsprogramms. Dieses und jenes also grob gemischt. Das meiste an historisch wirklich Relevantem fiel dabei freilich kühn unter den reichlich mit Flitter bestreuten Tisch. Aber Kutti sagte ja selbst, die glitzernde Show verhalte sich wie eine Zehn-Euro-Rolex zur Original-Rolex. Sollte das nun tröstend oder (selbst)vernichtend gemeint sein?

 

Immerhin, die Kurzformel „PBC“ (Piscator, Besson, Castorf) wird lax beschworen, Max Reinhardt, Heiner Müller, Manfred Karge, Henry Hübchen (bloß über Video), Brecht, Ursula Karusseit (der die Brecht-Erbin Barbara Schall-Brecht zu DDR-Zeiten die „Mutter Courage“ verweigerte, „diese Schlampe zieht nicht den Planwagen von Mutter Weigel“). Aber auch Hitler (als Puppe, die eine Rrrrede schnurrt und Grönemeyer grölt), auch Nazi-Intendant Klöpfer und Juri Gagarin, Silvia Rieger und René Pollesch kommen kurz vor. - Oskar Kaufmann, der mutige Gründerverein Freie Volksbühne, Martin Wuttke, Milan Peschel, Bernhard Schütz, Corinna Harfouch, Kathrin Angerer oder Werner Schroeter, Jürgen Gosch, Marthaler und Fritsch kommen nicht vor. Auch nicht Klaus Wowereit, der bis ans Ende seiner Amtszeit die drängende, quälende Castorf-Nachfolge und damit die Zukunft dieses immer mal wieder die Welt bewegenden Theaters frech im Dunkeln ließ. Was nach 2016 wird, scheint Berlin wurscht zu sein.

 

Also ein Stückchen Welttheatergeschichte als bunter Abend. Ein bisschen dieses und jenes, allerhand Blödelei, dazu etwas Tiefsinn in homöopathischer Dosis und etwas Krisengeplapper. Für das Quantum abgründige Dekoration (das vermeintliche Salz im süßlich kunterbunten Kuttner-Teller), dafür sorgte der prima Chor der Werktätigen mit apokalyptischem Singsang (nach „Eve of Destruction“): „Schon morgen kann es geschehn / Und wir sind am Ende.“ Kann sein, kann auch nicht sein. Aber noch wurde, auch beim Video-Mitmach-Ulk, viel dümmlich gekichert und herzlich gelacht. Aber ein paar Leute liefen gelangweilt davon. Doch solch souveränes Publikumsverhalten gehört ja angeblich zum kultigen Wesen dieses Theaters. (wieder an Silvester, 31.12., 18 Uhr)

Deutsches Theater

Arthur Schnitzler im DT! Endlich. Und nun gleich zwei Mal Klassiker hintereinander: Nämlich erst (verunglückt) Ibsens „Frau vom Meer“, dann Schnitzlers „Weites Land“. Ich finde ja, dieses Theater ist – auch bezüglich seines Ensembles und erst recht durch seine bedeutende Tradition prädestiniert für Klassiker. Das DT könnte – wenn es das denn nur wollte! – sich konzentrieren auf und profilieren für die weltbedeutenden Altvorderen. Und eben darauf, was diese uns heute noch alles hergeben. Wäre ein super Alleinstellungsmerkmal. Zugegeben, das ist nicht eben leicht und flott zu kriegen. Wäre aber eine sehr zeitgenössische Herausforderung! Oder haben die Regisseure Angst vor großen Autoren-Autoritäten?

 

Also Arthur Schnitzler (1862-1931) und dann Schnitzlers „Weites Land“. (1911, Burgtheater Wien). Der Titel meint das Land der Seele; Sigmund Freud im Theater statt auf der Couch. Prompt baute der Bühnenbildner Florian Lösche einen riesigen Kletterturm aus Ledersofas für Action oder eben „Klassiker“-Auflockerung und muntere Vergegenwärtigung. Die Schauspieler dürfen fleißig rauf und runter kraxeln. Die Regisseurin Jette Steckel, der wir am DT einen tollen Sartre verdanken, die vertraut nämlich diesmal überhaupt nicht dem Text und tappt dabei erstaunlich dümmlich in die „Verheutigungsfalle“. Außerdem meint sie immerzu, dabei dem modischen Mainstream folgend, das beim Publikum mehrheitlich beliebte gute alte und wenn es denn richtig gemacht ist enorm wirkungsmächtige Einfühlungs- oder Illusionstheater konterkarieren zu müssen. Deshalb schiebt sie immer wieder dressierte Zirkusnummern ein und sportives Herumrennen und lässt mühselig Distanzen aufbauen gegen das Illusionistische des Theaterspiels -- auch mit Popmusik als Stimmungsmache und mit Richard Wagners „Tristan“-Akkorden als Zuckerchen für Bildungsbürger. Alles Mätzchen. Aufhübscherei, die Schnitzler nicht nötig hat. Obendrein müssen die Figuren (von 1911) unentwegt krampfhaft so tun (auch sprachlich), als seien sie gerade aus der Böse-Buben-Bar Marienstraße von um die Ecke gekommen. Und so tappen sie schnurstracks in besagte „Verheutigungsfalle“. Dazu passend ihre schäbig zeitgenössische (Berlinische?) Kostümierung (T-Shirt, Jeans, Feinripp-Unterwäsche, Turnschuhe). Doch dann duellieren sie sich und wollen mit dem Norddeutschen Lloyd nach Amerika (statt mit Air Berlin oder Lufthansa). Da klappt's nicht recht mit der Verheutigung und wirkt einfach nur doof. Wie die unentwegt lächerliche Demonstration der Distanz zur Illusion, dieses krampfhafte Behaupten, dass alles bloß Theater, Theater, Theater und also unecht sei. Dabei haben wir doch schon an der Theaterkasse beim Kauf des Billets vereinbart: Ist alles bloß Theater, keiner stirbt dort in echt oder wird in echt verrückt oder depressiv.

 

Schnitzler gibt doch eine spannende, hochtrabend gesagt: gesellschaftspolitisch relevante Story vor (das sexuelle Durcheinander, der steife Hochmut und die coole Liebelosigkeit gutbürgerlicher Kreise). Man muss das nur spielen. Und die Spieler könnten das wohl auch, wenn man sie nur in Ruhe machen ließe, damit sie wirklich eintauchten in den einzigartigen, genauen und spielerisch tiefgründigen, in jeder Hinsicht ganz großartigen Schnitzler-Text. Stattdessen aber müssen sie sich auf den Oberflächen ihrer Figuren hilflos abrackern und angestrengt nach mehr oder weniger Tiefe kratzen und dabei cool tun und rumlaufen wie die Leute mit dem To-go-Kaffee in der Marienstraße Berlin-Mitte.

 

Arthur Schnitzler (1862-1931) war Arzt in Wien und ein notorisch erfolgreicher Frauenverführer sowie Siegmund Freuds Freund. Und er war ein sagenhaft sensibler Dramatiker (und überhaupt Literat), der den Leuten seiner Zeit den frappierend klaren Spiegel vorhält. Gut, wir sind längst post-bürgerlich, letztlich also unbürgerlich. Die Zeiten mit dem Duellieren um der Ehre Willen sind vorbei. Was jedoch immer grün bleibt, das ist die Komplexität menschlicher Charaktere; eben das weite Land, in dem so sehr viel und so extrem Gegensätzliches Platz findet – schon seit jeher; wovon das Stück packend erzählt.

 

Warum also lässt Jette Steckel nicht einfach mal den alten, schönen, schweren roten DT-Samtvorhang hoch gehen und im Jugendstil-Salon die böse Feine-Leute-Geschichte aus Tod, Liebe, Trug, Verrat und Ehebruch ablaufen. Ich hätte da nur zu gern geschaut ganz einfach und direkt auf diese ziemlich ferne, längst versunkende Welt Wiener Bürgerlichkeit. Und hätte geseufzt: Tja, die Alten dort hatten ähnlich bis genau die gleichen Probleme mit sich und ihren Trieben und Konventionen wie ich auch. Die natürlich gegebene Distanz hätte mir diese Leute verteufelt nahe gebracht. Liebe ehrgeizige, auf Originalität und Feuilleton-Beifall erpichte Regisseure: Lehnt Euch doch einfach mal bei großen dramatischen Texten und ebensolchen Spielern funktioniert das entspannt zurück und lasst machen, was da einst die Figuren in weiter Ferne gemacht haben. Die Geschichte aus dem Gestern wird dann von selbst ziemlich heutig.

 

Doch die aufdringliche, lächerlich auf Aktualisierung, auf zeitgemäßes „Aufbrechen“ der guten alten Story erpichte Regie drückt sie mir nun gewaltsam platt auf die Nase. Armes Riechorgan. Sein Träger ist befremdet und genervt. Und der Autor fast vernichtet.

 

(wieder am 25. Und 28. Dezember, zusätzlich auch am 27. 12. / Spielplanänderung)