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Kulturvolk Blog Nr. 11

Kulturvolk Blog | Reinhard Wengierek

von Reinhard Wengierek

16. November 2012

Deutsches Theater -


Sandwüste, Finsternis, Nebelschwaden – eine unwirtliche Gegend für vier wunderliche Typen, aufgereiht auf der Bühne des Deutschen Theaters, um Roland Schimmelpfennigs ausgetüfteltes Sprach-Kunststück „Die vier Himmelsrichtungen“ vorzutragen. Doch erst einmal wirft das Quartett ein zerbeultes Kofferradio an und lauscht – krächz-krächz – einem Cha-Cha-Cha. Eine Situation der Verlorenheit, an der sich Deutschlands vielgespielter Dramatiker – diesmal auch als Regisseur – in seinem jüngsten Opus entlang hangelt: Der Mensch geworfen in apokalyptische Landschaft (Bühne: Johannes Schütz). Dort versucht das Leben ein krächzend Liedlein, das aus jeder Himmelsrichtung von dunklem Dunst erstickt wird. Der mit Preisen überhäufte Star-Autor ist berühmt für raffinierte Text-Puzzles mit skurrilen Figuren, die im Ungewissen, Schicksalhaften, Angstvollen geistern und wie im Wachtraum zwischen banal Tatsächlichem sowie absurd Phantastischem irr durcheinander flippen. Also: Auch diesmal keine klare Story. Sondern eine mirakulöse Revue aus 52 Kurz-Szenen, in denen ein Menschen-Vierer in ausgetüftelt-verschachtelter, leitmotivisch sich wiederholender Indirekt-Rede seltsame oder bloß simple Erlebnisse reflektiert. Ein artifizielles Sprechkonzert in feiner Leichtigkeit; drangvoll einkreisend das bedrohlich schwarze Loch – genannt Sinnlosigkeit und Weltverlorenheit oder: ewige Einsamkeit, Tod. Doch auch: Eine ins Verschwiemelte ragende Partitur, angestrengt kontrapunktiert mit vertrackten Anspielungen auf Psycho und Mythen. Wer gut drauf ist im Dichtung-Deuten, der mag seinen Spaß haben. Den Rest dürfte höhere Langweile umwehen. Aber: ein jeglicher darf sich ergötzen an einem Quartett vorzüglichster Schauspielkunst. Kathleen Morgeneyer, Almut Zilcher, Andreas Döhler und Ulrich Matthes sind von sinnlicher Präsenz, Komik, Eleganz. Und imstande, auf der Unbestimmtheit ihrer Figuren Charakterliches zu skizzieren. So wird aus dem monologisierenden Vortrags-Theater melancholisch-philosophischer Kopfgeburten wenigstens ein hübsches Traumtheaterkammerspiel. (zum letzten Mal am 27.11.)

Studio Schaubühne -

Eine leere, glatte Visage; schiefes, unsicheres Grinsen, braves Brillchen. Doch dann gibt es da ein Stechen in den Augen dieses faden Rundschädels, da durchzuckt es uns: O Mann! Dieses Biedermännchen mit Schlips könnte womöglich Türme in die Luft sprengen. Tut es natürlich nicht. Der gräulich Tom Ripley killt nur den stinkreichen Playboy Dickie Greenleaf – im Studio Schaubühne. Das lädt zum Nachtkrimi mit Patricia Highsmiths Klassiker „Der talentierte Mr. Ripley“. Mord aus Neid, Gier, unterschwellig schwuler Hassliebe. In der klaren Story aber steckt noch irritierende Fülle von Subtexten: eine Aufsteiger- und Liebesgeschichte, ein Künstler- und Entwicklungsroman, ein Vexierspiel mit menschlichen Identitäten – wie Regie und Dramaturgie im Programmblättel verlautbaren. Doch all das bringt Jungregisseur Jan-Christoph Gockel bloß arg eingeschränkt rüber.

Das Beste am Abend sind seine anfänglichen 50 Minuten: Nämlich wenn der umtriebig gurrende Mops Tom (David Ruland) und das nichtstuerisch flapsige Riesenbaby Dickie (Sebastian Schwarz) einander umtänzelnd näherkommen und dabei Dickies dürres Blondchen Marge (Luise Wolfram) immerzu Schnute ziehend im Wege steht. Herrlich, dieses Duell-Duett-Pas de deux der klasse Komiker (allein deshalb dieser Text!): Der schnappige Terrier (Ruhland) im Clinch mit dickfellig schwitzendem Bernhardiner (Schwarz)!!! Die beiden sind freilich ein längst eingespieltes Paar als Zack & Dave in der flott nach Rock’n’Roll klingenden Schaubühnen Soap namens „Zack’n‘ Dave“ – ein super Krimi-Tingeltangel Marke Eigenbau, das inzwischen das Zeug hat zum Kult (jetzt auch im Primetimetheater Wedding). Zu „Ripley“ ist ansonsten nicht mehr viel zu sagen: Nach der Mordtat leiert alles aus; der Krimi-Boulevard wird zur Durstrecke. (wieder am 27.11.)

Theater am Kurfürstendamm -

Er steht an der Potsdamer Straße und wiegt 500 Kilo: Gustav Hartmann, genannt „eiserner Justav“, war Berlins letzter Pferdedroschkenfahrer, der 1928 in seinem schon damals historischen Gefährt aufbrach zu einer Nostalgiefahrt nach Paris. Bei seiner Rückkehr feierten ihn 300 000 Berliner. Seither gilt er – wie der Hauptmann von Köpenick – als Berliner Original; mit Gedenktafel Wannsee-Alsenstraße 11, mit Ehrengrab Alter Friedhof Wannsee und eisernem Denkmal auf Granit-Findling an der Potse. Mehrfach wurde sein nicht eben leichtes Leben verfilmt (Heinz Rühmann, Gustav Knuth). Und Hans Fallada verarbeitete es 1938 zum Roman, den Peter Lund jetzt für die Bühne verdichtete; Uraufführung im Theater am Kurfürstendamm unter Regie vom Hausherrn Martin Woelffer.

Freilich, im Roman wie in der Bühnen-Adaption spielt die Jubelkutscherei bloß eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Familiengeschichte eines Kleinunternehmers vom Ende des Kaiserreichs über die Nachkriegs-Notzeit bis hin zu den letzten Jahren der Weimarer Republik. Es ist eine Epoche gewaltiger Umbrüche, die hart einschlägt auch in Gustavs Berufs- und Familienleben: Die Kinder brechen aus, kommen auf die schiefe Bahn, die Familie zerfällt, das eherne Weltbild des stur kaisertreuen Kutschers stürzt ein. Auto-Taxis vertreiben Pferdedroschken. Gustavs Fuhrbetrieb geht pleite, Armut regiert – und bringt den Eisernen („nich uffjeben“) auf die Idee der Paris-Tour. Die macht aus dem Modernisierungsverlierer eine profitable Touristen-Attraktion. Doch die bleibt Nebensache. Denn im Zentrum des Stücks mit allerhand komödiantischen Zutaten steht das Drama einer von katastrophalen Zeitläufen ziemlich zerstörten Familie. Hat Lund gut gemacht im Sinn von Fallada. Doch Woelffers Inszenierung hält da nicht mit; sie unterlässt das Dramatische. Die schweren Konflikte bei Gustav zuhause bleiben rhetorisch, die saftig vorgezeichneten Figuren anämisch, die Schauspieler unterfordert. Auch Walter Plathe in der grandiosen Titelrolle zünftig mit Zylinder und Rauschebart ist wirkungsvoll bloß im Drauflospoltern. Von den Abgründen seiner komplexen Figur kaum ein Hauch. – Drama geht anders. Mit dem laschen Aufblättern eines arg blass colorierten History-Bilderbogens kommt man so einem vielschichtig packenden, obendrein populär Berlinischen Stoff nicht bei. Schade! Aber ein Signal an andere Bühnen, uns nun den ganzen „Gustav“ zu machen.

Akademie der Künste -

Delikate Konstellation: Otto Brahm, Gründer der avantgardistischen Freien Bühne, Intendant des Deutschen Theaters, des Lessing-Theaters, war lange Jahre heftig liiert mit der Ehefrau seines Justitiars Paul Jonas. Sowas soll‘s geben! Und weil man zur Kaiserzeit noch nicht twitterte, schrieb man sich Briefe. Allein mehr als tausend gingen zwischen 1897 und 1912 von Otto an seine Clara. Kecke Intimitäten, jede Menge Theaterklatsch – das Schöne daran: die Betreffenden waren alle Promis (Hauptmann, Reinhardt, Hofmannsthal, Schnitzler etc.). Und natürlich massenhaft aufschlussreiche Details damaliger Berliner Bühnenpraxis, von denen nicht wenige Theatergeschichte machten. Die Briefe sind ein herrlicher Schatz! Die Akademie der Künste verwahrt ihn in ihrem prallen Bauch. Und Christian Grashof schmökert darin am Sonntag, 25. November, früh um elf Uhr am Pariser Platz. Drei Tage später gedenken wir in Liebe des 100. Geburtstags von Otto Brahm.